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Minergie in der Stromkrise? Wie Sie dennoch durch den Winter kommen

Gebäude, die nach Minergie-Standard gebaut sind, brauchen bekanntlich Strom für das interne Lüftungssystem. Doch aktuell ist Energie ein knappes Gut. Was können Eigentümer/innen und Bewohner/innen von Minergie-Häusern also tun, um dennoch Strom zu sparen? Wir haben für Sie bei Experten nachgefragt.

Bald erreichen wir die Marke von 60'000 Bauten, die in der Schweiz das Baustandard-Zertifikat Minergie tragen. Dabei handelt es sich um ein Schweizer Label für Niedrigenergiehäuser, das sich seit 1998 als modernisierter Baustandard etabliert hat. Minergie verspricht durch einen regelmässigen, automatisierten Luftaustausch ein immer angenehmes Wohnklima. Zusätzlich zum üblichen Stromverbrauch eines Hauses braucht ein Minergie-Gebäude also Energie für den Betrieb des Lüftungssystems. Doch ist das mit dem aktuellen Strommangel noch vertretbar? Und was können Eigentümer/innen und Bewohner/innen von Minergie-Häusern tun, um dennoch Strom zu sparen?

Minergie punktet

Wie alle Gebäude braucht auch ein Haus, das auf Minergie setzt, Strom für Geräte und Beleuchtung. Zusätzlich wird die Lüftung mit Strom betrieben, was bei der aktuellen Lage in erhöhten Nebenkosten resultieren kann. «Der Kostenanstieg hängt vom individuellen Nutzerverhalten ab. Wenn ein Mieter oder eine Mieterin die Raumtemperatur gleich wie in den vergangenen Jahren reguliert, fallen die Nebenkosten höher aus.», bestätigt die Immobilienverwalterin Wincasa.

Dennoch versichern uns Experten, dass unter Berücksichtigung des gesamten Energieverbrauchs Liegenschaften mit Minergie besser abschneiden: «Der Gesamtenergiebedarf eines Minergie-Gebäudes ist rund 20 % tiefer als jener eines konventionellen Neubaus. Mit Minergie-P und Minergie-A spart man sogar bis zu 50 %», bestätigt uns Andreas Meyer, Geschäftsleiter des Vereins Minergie.

Doch wie lässt sich das erklären? Dazu werden uns mehrere Gründe geliefert. Erstens besitzen Immobilien, die dem Minergie-Standard entsprechen, eine besonders gut gedämmte Gebäudehülle. Dadurch kann deutlich an Wärme bzw. Heizkosten eingespart werden. Zweitens zeichnen sich zertifizierte Häuser üblicherweise durch effiziente und stromsparende Geräte und Beleuchtungsinstallationen aus. Und nicht zuletzt sorgt genau die Minergie-Lüftung für einen geringeren Stromverbrauch: «Eine Komfortlüftung gewinnt etwa 80 % der Heizenergie, die man sonst beim Lüften über Fenster verliert, aus der Abluft zurück und wärmt so die Zuluft angenehm vor», erklärt Meyer.

Stromsparen in Minergie-Häusern

Auch wenn Minergie-Häuser gegenüber konventionellen Neubauten grundsätzlich gut abschneiden, interessiert Eigentümer/innen und Bewohner/innen, wie man zusätzlich Strom sparen kann. Die Minergie-Lüftung abzuschalten ist dabei keine Option. Davon rät Meyer nachdrücklich ab: «Abschalten sollte man die Lüftung auf keinen Fall, sonst wird die Luft schlecht und man verliert sehr viel Energie über die Fensterlüftung». Das Abschalten der Lüftung könnte unter Umständen sogar zu Bauschäden und Geruchsentstehung führen, wenn Feuchtigkeit nicht entweichen kann. Ein Zurückstellen auf «Normalbetrieb» für den Alltag und auf «reduzierten Betrieb» während den Ferien oder Abwesenheiten sei aber durchaus möglich und auch sinnvoll. Auch die Immobilienverwalterin Wincasa empfiehlt als Sparmassnahme, die Lüftung so zu regulieren, dass die Luft weniger oft gewechselt wird. Wichtig sei aber weiterhin, darauf zu achten, dass die Luftqualität gut bleibt.

Erfahrungswerte zeigen, dass Minergie-Wohnungen trotz niedriger Regelung der Lüftung ungewollt aufgewärmt werden, wodurch sich Mietende um erhöhte Heizkosten sorgen. Das berichten uns Bewohnerinnen und Bewohner aus dem neuen Mattenhof-Quartier in Kriens. In solchen Fällen empfiehlt Wincasa proaktiv auf den zuständigen Immobilienbewirtschafter zuzugehen, damit die Einstellungen der Heizung und Lüftung möglichst optimiert werden können.

Warm und kostengünstig durch den Winter

Neben der Regulierung der Lüftung liefert das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) auf seiner Webseite weitere Stromspartipps für Privatpersonen. Diese zählen sowohl für Minergie-Häuser als auch gewöhnliche Bauten:

  • Die Raumtemperatur sollte nicht stärker als auf 20 °C aufgeheizt werden. Reduziert man die Temperatur um 1 °C, sparen Sie bis zu 10 % Heizenergie.
  • Lichter löschen, wo sie nicht zwingend gebraucht werden.
  • Computer, TV-Geräte und Kaffeemaschinen verbrauchen auch im Stand-by- und Schlafmodus Energie. Schalten Sie diese Geräte daher immer ganz aus.
  • Warmwasser verbraucht besonders viel Energie, deshalb gilt: Duschen statt Baden. Sie können zusätzlich Warmwasser sparen, indem Sie nur kurz und nicht zu heiss duschen.
  • Beim Kochen verdampft ein Grossteil der Energie. Deshalb hilft uns der Deckel auf dem Kochtopf, Energie zu sparen.

Innovativ in die Zukunft

Infolge der Stromkrise sind viele Fragen und Unsicherheiten rund um den Minergie-Standard aufgetaucht. Da fragt sich doch, ob zukünftig neue Niedrigenergie-Konzepte für Immobilien auf den Markt treten, die ganz ohne Stromverbrauch auskommen. Dieses Szenario hält Andreas Meyer heute noch für unwahrscheinlich. Er sieht aber durchaus Innovationspotenzial: «Was sein kann, ist, dass wir mehr Minergie-Bauten sehen werden, die ihren Wärmebedarf rein mit Holz- und Sonnenenergie decken oder dank sehr grossen PV-Anlagen und Speichertechnologien nahezu autark funktionieren».

Inzwischen Realität sind sogenannte Nullenergie- und Plusenergiehäuser, die im Sinne einer Jahresbilanz an Betriebsenergie mehr Produktion als Bedarf nachweisen (Minergie-A). «Lösungen, die eine komplette Unabhängigkeit vom Stromnetz sicherstellen, erfordern aufwendige Speicherlösungen und sind heute sowohl ökonomisch als auch ökologisch noch wenig sinnvoll», gibt Meyer zu bedenken.

Definition Minergie-P

Minergie-P ist eine Niedrigenergie-Bauweise, die eine sehr gut gedämmte und luftdichte Gebäudehülle voraussetzt, um hohe Ansprüche an Qualität, Komfort und Energie zu erfüllen.

Definition Minergie-A

Minergie-A als Baustandard gewährleistet eine höhere energetische Unabhängigkeit durch Eigenproduktion dank grosser Photovoltaikanlagen und positiver Jahresenergiebilanz. Mit einer Batterie oder einem Lastmanagement kann der Eigenverbrauch und damit die energetische Unabhängigkeit zusätzlich optimiert werden.